Das Westgermanische

Zusammenfassung (S. 226 - 228 des Buches)

Unter Linguisten gibt es kaum Zweifel, dass es neben dem Urnordischen eine eigene westgermanische Zwischenstufe des Germanischen gegeben hat. Denn die Nachfolgesprachen Altenglisch, Althochdeutsch, Altfriesisch und Altsächsisch teilen analog zu den nordgermanischen Einzelsprachen eine Reihe spezifischer Gemeinsamkeiten und insbesondere gemeinsame Innovationen, die nicht anders als mit einer solchen Zwischenstufe zu erklären sind.

Wie in Kapitel 1 dieses Buches aufgezeigt wird, sind die Verhältnisse beim Westgermanischen aber wegen späterer wechselseitiger Beeinflussungen der Nachfolgedialekte weniger klar als beim Nordischen. Außerdem beginnt in Skandinavien die Überlieferung mit vielen Runeninschriften um Jahrhunderte früher als in Zentraleuropa und in England, wo nur wenige Dutzend meist kurzer und zudem oft unklarer Inschriften gefunden wurden. Wohl wegen dieser Schwierigkeiten liegt bislang keine Monographie über das „Protowestgermanische“ vor. Sie wird mit diesem Buch vorgelegt, wobei die Zeit des Protowestgermanischen auf die Periode von etwa dem 3. bis zur Zweiten Lautverschiebung im 7. Jahrhundert eingegrenzt werden kann. Die in diesem Buch vorgenommenen Rekonstruktionen zielen, soweit nicht anders gesagt, auf die Mitte dieses Zeitraums, also das 5. Jahrhundert, ab. In diese turbulente Zeit fallen mit der angelsächsischen Landnahme Großbritanniens und der Expansion der Franken nach Gallien zwei für die weitere Geschichte Europas und der germanischen Sprachen besonders wichtige Ereignisse.

Kapitel 2 behandelt die Phonologie. Zunächst werden zehn Innovationen aufgelistet, die das Westgermanische gemeinsam mit dem Urnordischen gegenüber dem Gotischen vollzogen hat. Der Befund bestätigt die heute allgemein akzeptierte Ansicht, dass sich zunächst das Ostgermanische von den anderen germanischen Sprachen wegentwickelt hat, und es impliziert, dass es für eine nicht allzu lange Zeit, am ehesten um das 1. Jahrhundert nach Christus, auch eine „proto-nordwestgermanische“ Zwischenstufe gegeben hat. Wichtiger für das Buch sind die allein westgermanischen phonologischen Innovationen. Davon lassen sich sieben benennen, die für sämtliche westgermanische Nachfolgesprachen gelten, die anderen Neuerungen sind jünger und betreffen nur Teilgruppen, insbesondere das Nordseegermanische oder dessen Untergruppe das Anglo-Friesische. Während aber das Nordseegermanische offenbar selbst eine sprachliche Zwischenstufe – etwa aus der Zeit um 500 n. Chr. und insofern zugleich die nördliche Variante des Protowestgermanischen – darstellt, sind die etwas jüngeren anglo-friesischen Spezifika besser durch wechselseitige Beeinflussungen im Sinne eines Sprachbunds zu erklären. Für das südliche Westgermanisch („Voralthochdeutsch“) mit dem merowingischen Fränkisch als Hauptdialekt lassen sich bis zur Zweiten Lautverschiebung hingegen keine eigenen phonologischen Innovationen aufweisen. Die Datengrundlage dafür bilden das überlieferte Althochdeutsche als direkter Nachfolgesprache, die wenigen Runeninschriften und die Entlehnungen aus dem Merowingisch-Fränkischen ins Galloromanische bzw. ins frühe Altfranzösische. Wegen fehlender Texte bleiben viele Fragen zur Morphologie und zum Lexikon offen, der phonologische Status des Merowingisch-Fränkischen vor der Zweiten Lautverschiebung kann jedoch mit einiger Sicherheit rekonstruiert werden. Er war noch so archaisch, dass dieses Idiom auch wegen seiner geographisch zentralen Stellung als stellvertretend für das (spätere) Westgermanische angesehen werden kann.

Stehen bei der Rekonstruktion des phonetischen Systems mit Runeninschriften und frühen Entlehnungen noch direkte Quellen zur Verfügung, so kann das Formensystem des Westgermanischen fast nur aus dem Vergleich der Einzelsprachen erschlossen werden. Wie die vielen in Kapitel 3 angeführten Paradigmen zeigen, sind dennoch sehr oft plausible und teilweise geradezu sicher erscheinende Rekonstruktionen möglich. Hier bestätigt sich der Befund Klingenschmitts, der im Jahre 2002 bereits einige Paradigmen des „urwestgermanischen“ Nominalsystems rekonstruiert hat, auch für das Verbalsystem, die Flexion der Adjektive und für die Pronomina. In diesem zentralen Teil des Buches wird zunächst wieder untersucht, welche morphologischen Charakteristika die westgermanischen Sprachen mit dem Nordgermanischen (gegenüber dem Gotischen) teilen und welche für sie spezifisch sind. Neun „nordwestgermanische“ Innovationen lassen sich benennen, von denen indes manche vermutlich auf die spätere Überlieferung dieser Sprachen zurückzuführen sind: Der eine oder andere gotische Archaismus aus der Zeit Wulfila-Bibel wie etwa das Mediopassiv, die größere Zahl an Dualen und reduplizierenden Verbformen, Imperative der 3. Person oder der Vokativ kann damals auch im Westen und/oder Norden der Germania noch vorhanden gewesen sein. In dieser Arbeit werden sie für das Protowestgermanische vorsichtigerweise aber nicht angesetzt. Bemerkenswert lang ist dagegen die Liste der rein westgermanischen morphologischen Innovationen: Mindestens zwölf solcher Innovationen lassen sich benennen, und rechnet man Veränderungen mit, die nur einzelne Lexeme betreffen (vgl. S. 61f, Nr. 5, 11, 15 und 16), sind es sogar sechzehn. Da gerade solche gemeinsamen Neuerungen nur schwer durch „Sprachbund“-Effekte, also durch die wechselseitige Beeinflussung benachbarter Dialekte zu erklären sind, sind diese Innovationen ein zentrales Argument für die Existenz einer westgermanischen Zwischenstufe im Sinne einer zu einem bestimmten Zeitpunkt in einer bestimmten Region tatsächlich gesprochenen Sprache. Trotz seiner späten Überlieferung hat das Westgermanische eine beachtliche Zahl an morphologischen Archaismen „exklusiv“ gegenüber dem Nord- und Ostgermanischen bewahrt. Zu nennen sind hier der Instrumental, die komplette Bewahrung des grammatischen Wechsels, die altertümlichen mi-Verben (ahd. Formen der Verben „tun“ und „gehen“) und einige Formen von starken Verben im Althochdeutschen und Altenglischen, die wohl nur als Relikte des Aorist zu erklären sind. Letzteres wir hier in Übereinstimmung mit Hirt (1932), Meid (1971) und teilweise auch Bammesberger (1984) vertreten, wobei weitere Argumente für diese Annahme angeführt und zwei Paradigmen des Aorist Indikativ und ein Paradigma des Aorist Optativ für drei verschiedene Zeitstufen des Germanischen rekonstruiert werden. Selbstverständlich hat die Annahme, der indogermanische Aorist habe noch so lange existiert, erhebliche Implikationen für die innere Entwicklung des germanischen Tempussystems. Sie wurden bereits im Buch „Sprache und Herkunft der Germanen“ (Euler/Badenheuer, 2009) diskutiert und werden hier nur kurz angerissen.

Dieses Buch ist primär eine Grammatik und enthält schon deswegen keine systematische Analyse des westgermanischen Lexikons. In Kapitel 4 werden dennoch einige Spezifika für den Umbau des Wortschatzes aufgezeigt. Trotz seiner späteren Überlieferung haben die westgermanischen Einzelsprachen und damit auch das Protowestgermanische selbst etliche Lexeme bewahrt, die im Norden und Osten fehlen. Häufiger ist naturgemäß der umgekehrte Fall, dass also indogermanische Erbworte nur im Nordgermanischen und/oder im Gotischen belegt sind, nicht aber im Westen. Offenbar hat die Christianisierung manches den heidnischen Glauben berührende Wort, dessen Existenz man für die Völkerwanderungszeit noch annehmen kann, gerade im Westen vor Beginn der Überlieferung verdrängt. Vor allem in den Bereichen Kriegswesen und Natur hat das Westgermanische auch sonst manche alten Lexeme durch Neologismen ersetzt.

Die Schlusskapitel 5 und 6 enthalten einen zusammenfassenden Ausblick und mehrere rekonstruierte Textproben, darunter das Hildebrandslied in einer westgermanisch-langobardischen Fassung. Diese Textproben sprechen für sich und verdeutlichen ein zentrales Ergebnis dieser Untersuchung: Bereits zur Zeit der gotischen Bibelübersetzung haben sich West- und Ostgermanisch so deutlich unterschieden, dass zwischen Goten und beispielsweise Franken kein fließendes Gespräch mehr möglich war. Dagegen waren die Unterschiede innerhalb des Westgermanischen wahrscheinlich bis ins 6., wenn nicht bis zur Hochdeutschen Lautverschiebung im 7. Jahrhundert so gering, dass dessen Dialekte wechselseitig verstehbar waren. Dieser linguistische Befund passt bestens zum Sprachgebrauch der völkerwanderungszeitlichen und frühmittelalterlichen Autoren, die die Goten praktisch ausnahmslos nicht den Germanen zugerechnet, sondern mit dem Terminus „Germani“ nur die westgermanisch sprechenden Stämme und Völker bezeichnet haben.