Das Westgermanische

Im Herbst 2009 hat der Verlag Inspiration Un Limited mit Dr. Wolfram Euler eine Monographie über das früheste Germanisch noch vor der Ersten Lautverschiebung vorgelegt. Die Arbeit schloss eine Lücke, denn fast niemand hatte bis dahin diesen Sprachzustand, wie er im 1. Jahrtausend vor Christus, etwa in der Hallstatt- und La-Tène-Zeit, gegolten hatte, zusammenfassend untersucht.

Nicht nur der Erfolg dieses Buches in Wissenschaft und beim breiteren Publikum hat uns dazu ermutigt, nun eine zweite altgermanistische Grundlagenarbeit von Wolfram Euler vorzulegen. Es war vielmehr die Tatsache, dass es hier eine zweite, ähnlich große Forschungslücke gab: Unübersehbar groß ist die Zahl der Aufsätze und Monographien, die sich mit der (spät-)urgermanischen Sprache, wie sie vermutlich kurz vor der Zeitenwende gesprochen wurde, befassen. Im Stammbaum der Sprachentwicklung ist das die Stelle, ab der das Gotische eigene Wege gegangen ist und sich von den übrigen altgermanischen Sprachen wegentwickelt hat. Merkwürdigerweise ist die nächste Verzweigungsstelle in diesem Stammbaum der altgermanischen Sprachentwicklung nicht annähernd so gut erforscht: Wie sah eigentlich dieses „Westgermanisch“ aus, das im turbulenten 5. Jahrhundert gesprochen wurde? Da diese Sprache kaum aufgeschrieben wurde, ist die unmittelbare Beleglage ausgesprochen dünn. Aber die Nachfolgesprachen Althochdeutsch, Altsächsisch, Altenglisch, Altniederländisch und Altfriesisch sind einander noch so ähnlich, dass sich dieser Sprachzustand dennoch ziemlich gut beschreiben lässt.

Nachdem Wolfram Euler uns aufgezeigt hat, dass hier tatsächlich eine erhebliche Forschungslücke besteht, haben wir uns auf das verlegerische Wagnis dieses Buches eingelassen. Es präsentiert sich mit festem Einband und mit nur wenigen Illustrationen auch äußerlich ganz als wissenschaftliche Arbeit. Und doch kann das Buch auch für Laien interessant sein. Man muss ja nicht Linguist sein, um beispielsweise die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der deutschen und der englischen Sprache besser verstehen zu wollen. Wen solche Fragen interessieren, der wird in diesem Buch auf fast jeder Seite Entdeckungen machen können.

A propos Deutsch und Englisch. In Großbritannien bestätigen mehrere neue humangenetische Untersuchungen, dass sich einheimische Engländer von der Bevölkerung in Norddeutschland und Friesland genetisch kaum unterscheiden, viel weniger jedenfalls als von den Menschen in Schottland und Wales. Auch die frühmittelalterliche skandinavische Besiedlung in Großbritannien lässt sich genetisch heute sehr genau nachweisen, ja sogar für die verschiedenen Regionen prozentual quantifizieren. Im vorliegenden Buch wird deutlich, dass die Humangenetik damit in beiden Fällen genau den sprachlichen Befund bestätigt.Die westgermanische Sprache, die Wolfram Euler in diesem Buch so akribisch herausarbeitet, ist mehr als eine theoretische Konstruktion. Sie kommt sicher den (untereinander noch nahe verwandten) Dialekten nahe, die die ersten germanischen Siedler in Großbritannien, die frühen Franken in Gallien aber auch die Alemannen, Baiern und Thüringer dieser Epoche gesprochen haben. Dies bestätigt nicht zuletzt eine unscheinbare Entdeckung, die Anfang 2012 gelungen ist. Auf einem Kamm aus dem 3. Jahrhundert, der einige Jahre zuvor in Erfurt-Frienstedt gefunden worden war, wurde unter dem Mikroskop die Runeninschrift ka[m]ba entdeckt. Diese Inschrift, so kurz sie ist, bestätigt eine zentrale Annahme über das frühe Westgermanisch, nämlich den Ausfall von auslautendem Sibilant bei den maskulinen Stämmen auf -a-. Völlig zu Recht hat Dr. Sven Ostritz, der Präsident des Thüringischen Landesamts für Archäologie und Denkmalpflege, diese Inschrift daher als ersten originalen Beleg der westgermanischen Sprache bezeichnet.

Mit der vorliegenden Arbeit, die These sei gewagt, kann die Geschichte der deutschen Sprache nun in 400-Jahres-Schritten bis in die La-Tène-Zeit zurückverfolgt werden: Das Neuhochdeutsche (Gegenwart), Frühneuhochdeutsche (um 1600), Mittelhochdeutsche (um 1200), Althochdeutsche (um 800) sind umfassend beschrieben und erforscht, auch über das rekonstruierte (späte) Urgermanisch kurz vor Christi Geburt gibt es viel Literatur. Mit seiner Monographie von 2009 über das frühe Germanisch hat Wolfram Euler diese Abfolge mit der Beschreibung des Zustandes um die Mitte des 1. Jahrtausends vor Christus um eine Stufe nach hinten verlängert. Das vorliegende Buch wiederum beschreibt den Zustand um 400 nach Christus und schließt damit die Lücke zwischen Antike und Karolingerzeit.

Der Verlag dankt Dr. Wolfram Euler für Forschungsarbeit auf hohem Niveau, für seine Offenheit für Anregungen und nicht zuletzt für seine Geduld. Er dankt Herrn Prof. Dr. Alfred Bammesberger für seine Bereitschaft, das Manuskript zu sichten und Sir Sebastian John Lechmere Roberts für das Redigieren des English Summary dieses Buches. Und er dankt sehr herzlich Herrn Dr. Ronald Berndt in Ansbach, der diese Publikation in Zusammenarbeit mit dem Verein Sprachwissenschaft im Dialog e.V. in Jena großzügig unterstützt hat. Das Buch hätte ohne diese Förderung nicht in der vorliegenden Form erscheinen können.

Konrad Badenheuer

Verlag Inspiration Un Limited