Das Westgermanische

Zwischen dem Ende der germanischen Spracheinheit im 1. Jahrhundert v. Chr. und den frühesten althochdeutschen und altsächsischen Sprachdenkmälern vergingen über 900 Jahre, in denen germanische Völker und Stämme durch ihre Wanderungen und die Gründung mehrerer Königreiche Mittel- und Südeuropa ein neues Gesicht gaben. Diese geschichtlichen Umwälzungen führten zur Aufgliederung des bis dahin noch mehr oder weniger einheitlichen Germanisch in Einzelsprachen, was in einer noch weitgehend schriftlosen Zeit die nahezu unvermeidliche Folge der Wanderungsbewegungen über große Entfernungen war. Aber wann und wie ist diese Ausdifferenzierung geschehen, und inwieweit lassen sich Zwischenstufen rekonstruieren und grammatisch darstellen? Diese große Frage betrifft besonders die westgermanischen Sprachen. Denn zum einen ist hier mit der angelsächsischen Landnahme Britanniens, dem Aufstieg des Frankenreiches und der Expansion der Alemannen und Langobarden in das heutige Süddeutschland und die Schweiz bzw. nach Norditalien im 5. bis 7. Jahrhundert nach Christus am meisten geschehen, und zum anderen sind gerade diese Sprachen anders als das Ost- und Nordgermanische in dieser umwälzenden Zeit abgesehen von winzigen Texten nicht überliefert.

Das Nordgermanische begann sich erst ab dem 9. Jahrhundert, also zu Beginn der Wikingerzeit, in Einzelsprachen aufzugliedern. Nachdem sich das Westgermanische bereits mit der Ausbreitung mehrerer Stämme (Markomannen, Alemannen, Langobarden) nach Süden ab dem 3. Jahrhundert und der Landnahme Britanniens durch Angeln, Jüten und Sachsen im 5. Jahrhundert vom Nordgermanischen wegentwickelt hatte, waren bald auch die Unterschiede zwischen den westgermanischen Einzelsprachen größer als die innerhalb des Nordgermanischen.

Während das Gotische – vor allem durch Wulfilas Bibelübersetzung – ab dem späten 4. Jahrhundert und das Urnordische durch die ältesten Runeninschriften sogar schon ab dem ausgehenden 2. Jahrhundert überliefert sind, gibt es aus dieser Zeit abgesehen von einer sehr kleinen Zahl kürzester und oft kaum verständlicher Runeninschriften noch keine westgermanischen Sprachdenkmäler. Doch liegen die ab dem 7./8. Jahrhundert überlieferten westgermanischen Einzelsprachen Althochdeutsch, Altenglisch, Altsächsisch, Altniederländisch (Altniederfränkisch) und Altfriesisch noch so nahe beieinander, dass für das 4. und 5. Jahrhundert ein näherungsweise einheitliches Westgermanisch angenommen werden kann.

So viel über diese Dinge seit bald 200 Jahren geforscht wurde und wird, einen zusammenfassenden grammatischen Abriss dieses westgermanischen Sprachzustandes in der Völkerwanderungszeit gibt es bisher nicht. Es ist der Gegenstand dieser Arbeit, diese Lücke zu schließen.

Das vorliegende Buch richtet sich an Linguisten wie auch an sprachlich Interessierte allgemein. Um das Buch möglichst leserfreundlich zu gestalten, wurde auf unnötig ausführliche Anmerkungen mit umfangreichen Literaturangaben verzichtet, insbesondere bei allgemein anerkannten Vergleichen und Etymologien. Aus dem selben Grund wird auf die Erörterung fragwürdiger Etymologien und Erklärungen verzichtet und Zitate von außergermanischen Belegen werden auf das Notwendige beschränkt. Soweit altindische Formen angeführt werden, sind diese dem Rigveda entnommen. Für das Altenglische wird die Schreibung des Westsächsischen bevorzugt. Die Belege der urnordischen Wörter wie auch der westgermanischen Runeninschriften sind der Darstellung von Wolfgang Krause (1966) entnommen.

Im Übrigen wurde eine terminologische Vereinfachung vorgenommen: Die hier rekonstruierte Sprache um 400 n. Chr. oder kurz danach müsste streng genommen „proto-westgermanisch“ genannt werden, um begrifflich exakt zu unterscheiden von Merkmalen westgermanischer Einzelsprachen, die nicht oder nicht sicher bereits in diesem früheren Sprachzustand gegolten haben. Im Zuge der Arbeit an diesem Buch hat sich indes herausgestellt, dass hier kaum Verwechselungsgefahr besteht. Deswegen wird hier in derselben Weise meistens der kürzere Begriff „westgermanisch“ anstelle von „proto-westgermanisch“ verwendet, in dem in der Literatur „indogermanisch“ anstelle des an sich exakteren Terminus „proto-indogermanisch“ etabliert ist.

Das Vorwort möchte ich nicht abschließen, ohne Herrn Konrad Badenheuer nochmals herzlich zu danken. Er hat dieses Buch nicht nur in technisch-verlegerischer Hinsicht, sondern auch auf sachlicher Ebene mit zahlreichen eigenen Vorschlägen und Überlegungen begleitet und gefördert. Über das Korrekturlesen und Redigieren hinaus hat er durch Literaturrecherchen, Nachfragen und Änderungsvorschläge dem Buch wichtige Impulse gegeben. Das Teilkapitel 1.5. und die Zusammenfassung stammen aus seiner Feder.

Dr. Wolfram Euler