Das Westgermanische

Textproben in westgermanischer Sprache

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1. Redensarten in westgermanischer Sprache

(Quelle: W. Euler: Das Westgermanische, Verlag Inspiration Un Ltd. London/Berlin 2013, S. 204f.) 

χwaz sōkiþ, sa finþiþ. 
„Wer sucht, der findet.“

eχu, eχu, rīki furi eχu. 
„A horse, a horse, a kingdom for a horse!“ (Shakespeare)

sīþŭ kwemeþ, ak kwemeþ. 
„Spät kommt Ihr, doch Ihr kommt.“ (Schiller)

wurđō ganōǥă kweđină, nu dēþi seχwēm. 
„Der Worte sind genug gewechselt, lasst mich endlich Taten sehen!“ (Goethe) 

berχtu sunnō bringiþ it ana dagă. 
„Die klare Sonne bringt es an den Tag.“ (Märchentitel, Gebrüder Grimm)

χūsă meină burg mīnŭ. 
„My house is my castle.“ (Sir Edward Coke)

īsarnă noχ warmă garwi. 
„Man muss das Eisen schmieden, solange es heiß ist.“

wulfă ne ferizō þiz kweþandemu in es. 
„Wenn man vom Wolf redet, ist er nicht weit. “ (französische Redensart)

wēră frijōnd gaknāis in nauþi. 
„Einen wahren Freund erkennt man in der Not.“

ne anþeremu dōs, þat þu ne welī. 
„Was du nicht willst, das man dir tu‘, das füg‘ auch keinem andern zu!“

kweþană silubră, þaǥēnă gulþă. 
„Reden ist Silber, Schweigen ist Gold.“

kwam, saχ, sigizōđā. 
„Ich kam, sah, siegte.” (Julius Caesar, „Veni, vidi, vici.“)

2. Aus der Offa-Sage (Quelle: a.a.O., S 206f.)

Altenglischer (westsächsischer) Originaltext, spätes 9. Jahrhundert:

Offa weold Ongle, Alewīh Denum;
sē wæs þāra manna mōdgast ealra;
nōhwæþre hē ofer Offan eorlscype fremede,
ac Offa geslōg ǣrest monna
cnihtwesende cynerīca mǣst;
nǣnig efeneald him eorlscipe māran
on ōrette: āne sweorde
merce gemǣrde wiđ Myrgingum
bī Fīfeldore, heoldon forđ siþþan
Engle ond Swǣfe, swā hit Offa geslōg.

Deutsche Übersetzung:

„Offa regierte die Angeln, Alewich die Dänen;
der war der mutigste von allen diesen Männern;
nur Offa konnte er nicht an Waffenruhm übertreffen;
denn Offa erkämpfte, der erste der Männer,
noch als Junge das größte Königreich;
kein Gleichaltriger zeigte je mehr Heldenart
im Kampf: mit einem einzigen Schwert
zog er die Grenze gegen die Myrginge
am Fifeldor (= Eidermündung); es hielten sie seitdem
Angeln und Schweden (Schwaben?), wie sie Offa erkämpft hatte.“

Rekonstruktion des westgermanischen (nordseegermanischen) Textes (5. Jh.):

Uffō wewald Anglju, Allawīχă Danim;
sa was þaizō mannō mōđigastă allaizō;
naiw χweþru χē ufer Uffan erulaskipi framiđē,
ak Uffō gaslōg airistă mannō
kneχtawesandi kunirīkō maistă;
nainigă ibnaldă imu erulaskipi maizon
an uzχaitē: ainu swerdu
marka gamēriđē wiđ Murgingum
bī Fimbuldurē, χeχaldun furþ sīþ þan
Angli and Swēbā, swē it Uffō gaslōg.

3. Das Vaterunser (a.a.O., S. 217-219)

Altenglischer (westsächsischer) Text:

Fæder úre þu þe eart on heofonum. Si þin nama gehalgod, to-becume þin rice, gewurþe ðin willa on eorðan swa swa on heofonum. Úrne gedæghwamlican hlaf syle us to dæg. And forgyf us úre gyltas swa swa wé forgyfað úrum gyltendum. And ne gelǽd þu us on costunge ac alys us of yfele soþlice.

Althochdeutscher Text (fränkisch, Weißenburg):

Fater unsēr, thu in himilum pist, giwīhi sī namo thīn. quaeme rīchi thīn. werdhe willeo thīn, sama sō in himile, endi in erthu. Broot unseraz emezzīgaz gib uns hiutu. endi farlāz uns sculdhi unsero, sama sō wir farlāzzēm scolōm unserēm. endi ni gileidi unsih in costunga. Auh arlōsi unsih fona ubile.

Gotischer Text (aus der Wolfila-Bibel um 375 n. Chr.):

Atta unsar þu in himinam, weihnai namo þein, qimai þiudinassus þeins, waírþai wilja þeins swe in himinam jah ana aírþai, hlaif unsarana þana sinteinan gif uns himma daga,jah aflet uns, þatei skulans sijaima, swaswe jah weis afletam skulam unsaraim, ni briggais uns in fraistubnjai, ak lausei uns af þamma ubilin.

Westgermanisch (merowingisch-fränkisch) um 500 n. Chr.

Fader unsēr, þu in χimilum bist, gawīχi sī namō þīn. quemē rīki þīn. werthē willjō þīn, sama sō in χimilē, endi in erþu. Braud unserat emetīgat gib uns χiudagu. endi farlāt uns skuldi unserō, sama sō wir farlātam skulōm unseraem. endi ni galaedēs uns(ik) in kustunga. Aok arlaosi uns(ik) fona ubilē.