Das Westgermanische

Das Werk schließt eine Lücke

Das Germanische als Vorstufe verschiedener auf seiner Grundlage entwickelter Nachfolgesprachen ist wegen seiner bescheidenen Überlieferung im Wesentlichen nur wissenschaftlich rekonstruierbar und auch die sich ihm widmende zusammenfassende Literatur ist nicht wirklich umfangreich. Zwischen dem Ende der germanischen Spracheinheit um Christi Geburt und den ältesten althochdeutschen und altsächsischen Sprachdenkmälern des Frühmittelalters vergingen viele Jahrhunderte. Obwohl über sie philologisch seit rund 200 Jahren geforscht wurde, fehlte bisher ein zusammenfassender grammatischer Abriss der aus den germanistischen Einzelsprachen Altenglisch, Altfriesisch, Altniederfränkisch, Altsächsisch und Althochdeutsch zu erschließenden germanischen Untereinheit Westgermanisch, wie sie mit einem Höhepunkt in der Zeit um 400 n. Chr. bzw. das 4. und 5. nachchristliche Jahrhundert angenommen werden kann.


Diese Lücke schließt der in München lebende Verfasser, der zusammen mit seinem Verleger bereits 2009 eine wichtige Untersuchung über Sprache und Herkunft der Germanen als Abriss des Protogermanischen vor der ersten Lautverschiebung veröffentlichte, mit dem vorliegenden Werk. 1950 geboren, wurde er 1979 bei Rolf Hiersche in Gießen mit einer Dissertation über indoiranische-griechische Gemeinsamkeiten der Nominalbildung, die das Griechische der ursprünglich östlichen Gruppe der indogermanischen Sprachen zuordnete, promoviert und arbeitete später mit Wolfgang Meid in Innsbruck zusammen. Er hat viele Studien vor allem über das Indoiranische, Iranische, Griechische, Lateinische, Baltische und Germanische erarbeitet, in denen er hinsichtlich des Germanischen auf Grund der Gewässernamen von einer Entstehung in der Nähe des Harzes ausging.

Gegliedert ist das neue Werk nach einer Einleitung über den Gegenstand in 5 Abschnitte. Sie betreffen die Phonologie des Westgermanischen (Veränderungen des Vokalismus und Konsonantismus im Überblick, westgermanisch-nordische Neuerungen, spezifisch westgermanische und spätere Neuerungen), die Morphologie des Westgermanischen (Neuerungen des Westgermanischen, Flexion der Substantive, Adjektive und Partizipien, Pronomina, Numeralia, Flexion und Stammbildung der Verben), Archaismen und Innovationen im Wortschatz (archaische Begriffe im Althochdeutschen und Altenglischen, nordische Erbwörter ohne westgermanische Entsprechungen, nur im Gotischen belegte germanische lexikalische Archaismen) und eine Auswertung mit Ausblick sowie als Textproben Sprichwörter und Redensarten, die Runeninschrift von Gallehus, die Offa-Sage, in langobardischem Dialekt das Hildebrandslied sowie mit christlichem Inhalt das Taufgelöbnis, das Vaterunser und die Weihnachtsgeschichte nach Lukas. Im Ergebnis ermittelt der Verfasser in seiner beispielhaften Untersuchung sieben phonologische westgermanische Neuerungen, neun morphologische nordwestgermanische Neuerungen und mindestens zwölf morphologische westgermanische Neuerungen neben einer beachtlichen Zahl gegenüber dem Nordgermanischen und Ostgermanischen bewahrter Archaismen.

Ingesamt gelangt der Verfasser zu der Einsicht, dass bereits um 400 Westgermanisch und Ostgermanisch so deutlich unterschieden waren, dass Goten und Franken nicht mehr fließend miteinander sprechen konnten, dass die Unterschiede innerhalb des Westgermanischen aber noch einige Jahrhunderte geringer blieben, bis das einheitliche Westgermanische in mindestens fünf Einzelsprachen zerfiel. Weil das Werk primär als Grammatik angelegt ist, bietet es nur Beispiele für ein westgermanisches Lexikon, nicht auch bereits dieses selbst. Gleichwohl gibt es dem Westgermanischen über zahlreiche vielfältige Äußerungen anderer Forscher hinausführend erstmals ein festes wissenschaftliches Gerüst, dessen Wert am Beispiel der 2012 gelungenen Entzifferung der kurz zuvor gefundenen Runeninschrift ka(m)ba (Kamm) als Nachweis des Ausfalls auslautender Sibilanten bei den maskulinen Stämmen auf -a- ansprechend veranschaulicht wird.

Prof. Dr. Gerhard Köbler, Universität Innsbruck, 20.3.2014