Das Westgermanische

G E R M A N I A

ANZEIGER DER RÖMISCH - GERMANISCHEN KOMMISSION
DES DEUTSCHEN ARCHÄOLOGISCHEN INSTITUTS

Jahrgang 91 2013 1.–2. Halbband, S. 283 - 286, erschienen am 29. Juni 2015.


WOLFRAM EULER / KONRAD BADENHEUER, Sprache und Herkunft der Germanen. Abriss des Protogermanischen
vor der Ersten Lautverschiebung. Verlag Inspiration Un Limited, London / Berlin
2009. € 14,95. ISBN 798-3-9812110-1-6. 240 Seiten mit zahlreichen Abbildungen.

WOLFRAM EULER, Das Westgermanische von der Herausbildung im 3. bis zur Aufgliederung im
7. Jahrhundert. Analyse und Rekonstruktion. Verlag Inspiration Un Limited, London / Berlin
2013. € 49,–. ISBN 978-3-9812110-7-8. 244 Seiten mit vier Abbildungen.

Es bedarf sicher einer ausdrücklichen Begründung, wenn zwei Publikationen sprachwissenschaftlichen
Inhaltes in einer archäologischen Fachzeitschrift – nun, gewiss nicht rezensiert, aber immerhin
angezeigt werden, zudem von einem Verfasser, der die für einen Rezensenten im eigentlichen Sinn
erforderliche philologische Kompetenz bei weitem nicht besitzt und der deshalb allenfalls als Hinweisgeber
fungieren kann. Immerhin: Beide Bücher zeigen auf ihren Umschlägen Farbbilder archäologischer
Fundstücke, einmal des bronzezeitlichen Sonnenwagens von Trundholm und zum anderen
einen kaiserzeitlichen Beinkamm aus Mitteldeutschland, und im Text vor allem der erstgenannten
Publikation sind zahlreiche weitere Bilder von archäologischen Objekten eingefügt, die bekanntermaßen
germanischer Herkunft sind. Auch die archäologische Evidenz, so scheint es schon auf den
ersten Blick, steht offenbar in einem sachlichen Zusammenhang mit dem eigentlichen Inhalt beider
Bücher.
Ein weiteres kommt hinzu: Von den beiden Autoren des Buches über „Sprache und Herkunft der
Germanen“ ist der erstgenannte, Wolfram Euler nämlich, wohlbekannt als „Kapazität auf dem Feld
der Indogermanistik“ – so D. v. Wachter im „Vorwort des Herausgebers“ (S. 6) –, während der zweite
Autor, Konrad Badenheuer, in erster Linie als Journalist und Publizist zu gelten hat; sein Name
wird im Titel in etwas kleinerer Schrift aufgeführt. Eine solche Beteiligung lässt aber erkennen, dass
sich diese Schrift auch einem breiteren Publikum öffnen möchte, über die engeren philologischen
Fachkreise hinaus, und ganz gewiss nicht zuletzt einem an Geschichte und Archäologie der Germanen
auch wissenschaftlich interessierten Publikum.
Den griffigen Titel des Buches von 2009 präzisiert sein Untertitel: Er verspricht einen Abriss,
mindestens eine Skizze also, des Protogermanischen vor der Ersten Lautverschiebung. Hier mag
mancher stutzen: Hat nicht nach herkömmlicher Auffassung die Erste Lautverschiebung, also vor
allem die Umwandlung von Verschlusslauten (z. B. „p“) zu Reibelauten (z. B. „f“), zusammen mit
einigen anderen Neuerungen wie einer Akzentverschiebung, das Germanische überhaupt erst konsti-

tuiert und seine Ausgliederung aus dem Indogermanischen markiert? Es ist vor allem eine chronologische
Feststellung, welche Euler zufolge gegen die Richtigkeit dieser Auffassung spricht. Allem Anschein
nach war die Erste Lautverschiebung am Ende des 1. Jahrtausends v. Chr. und namentlich
im Westen des (mutmaßlichen) Germanengebietes noch keineswegs abgeschlossen. Spektakuläre Belege
dafür sind u. a. die Stammesnamen der gegen Ende des 2. Jahrhundert v. Chr. in Erscheinung
tretenden Kimbern und Teutonen, welche von den römischen Autoren wohlgemerkt in dieser Form
und nicht lautverschoben als Chimbri Theudonique bezeichnet werden (S. 13, bes. S. 66 f.). Euler
nimmt folglich an, dass besagte Lautverschiebung erst um die Mitte des 1. Jahrtausends v. Chr. und
vermutlich zuerst im Osten eingesetzt hat und dass sie erst geraume Zeit später, und zwar im Westen,
zu ihrem Abschluss kam. Nachdem bisher die gesamte Entwicklungsphase des Germanischen von
seiner Herausbildung aus dem Indogermanischen (in der ersten Hälfte des 2. Jahrtausend v. Chr.)
bis zu seiner Aufgliederung in Einzelsprachen, die sich erst geraume Zeit nach der Zeitwende vollzog,
als „urgermanisch“ bezeichnet wurde, wendet Euler (S. 15 f.) diesen Begriff in abgewandelter
Form („späturgermanisch“) nur für die Phase zwischen Lautverschiebung und Einzelsprachen an. Er
nennt die vorausgehende Entwicklungsstufe vor der Lautverschiebung nun aber nicht „frühurgermanisch“,
sondern „protogermanisch“. (Man hätte wohl auch von einem frühen und einem späten,
besser noch von einem älteren und einem jüngeren Gemeingermanisch reden können.) Festzuhalten
ist jedenfalls, dass die Durchführung der Ersten Lautverschiebung samt ihrer Begleiterscheinungen
nicht mehr als konstitutiv für das Germanische angesehen wird. Es gab folglich eine germanische
Sprache vor dieser Lautverschiebung, und es ist das wesentliche Anliegen des Buches, die charakteristischen
Züge dieser als protogermanisch bezeichneten Sprache herauszustellen.
Dies ist also inhaltlich und auch umfangmäßig der Hauptteil des Buches: Eine zumindest umrisshafte
Rekonstruktion einer Sprache, von der allenfalls eine Handvoll Namen historisch überliefert
ist, einer Sprache mithin, die lange vor den ersten genuin germanischen Sprachzeugnissen in Gestalt
von – sehr lakonischen – Runeninschriften und schließlich der Wulfila-Bibel gesprochen worden ist.
Was sich über Konsonantismus und Vokalismus, über die Deklination der Nomina und die Konjugation
der Verben, über Satzbau, Wortbildung, Betonung und vieles andere mit mehr oder weniger
großer Sicherheit erschließen und ermitteln, oft auch nur vermuten lässt, kann nur durch rückschreitende
Rekonstruktion aus jüngeren Sprachformen, weiterhin aufgrund von Analogiebildung
aus verwandten Sprachen und aus sprachlichen Entlehnungen in dieser oder jener Richtung abgeleitet
werden. Es versteht sich, dass bei einem solchen Vorgehen nicht jeder Schritt mit zwingender
Logik und gleich großer Gewissheit vollzogen werden kann, sondern dass immer wieder auch Einfühlungsvermögen
und Sprachgefühl zur Geltung kommen müssen. Das Resultat verdient jedenfalls
rückhaltlose Bewunderung: Eine uralte, nicht nur längst vergessene, sondern auch in keiner Weise
direkt dokumentierte Sprache gewinnt wenigstens umrisshaft eine reale Gestalt.

Das wird sinnfällig dokumentiert in einer Reihe von kurzen Texten (S. 211 ff.), die in dem so
wiedergewonnenen Protogermanisch dargeboten und fallweise Versionen im „Späturgermanischen“,
Gotischen und anderen germanischen Sprachen gegenübergestellt werden. Da gibt es die erdichtete
Fabel „Das Schaf und die Pferde“: Owis ékwos-kwe lautet sein protogermanischer Titel – das müsste,
beiläufig bemerkt, auch ein Lateinsprechender verstanden haben, was wiederum durch die relative
Nähe zur gemeinsamen indogermanischen Grundsprache verständlich wird. Naheliegend war es ferner,
den in der Wulfila-Bibel überlieferten gotischen Text des Vaterunsers – Anachronismus hin
oder her – ins Protogermanische zu übertragen: Páter únsere eni kémenoi, wéiknaid nómun téinon …
Der historische Gewinn der sprachgeschichtlichen Bemühungen der Autoren wird für den fachwissenschaftlich
Außenstehenden gerade an solchen Resultaten sinnfällig erkennbar.
So mag es auch der vor- und frühgeschichtliche Archäologe als eine Bereicherung empfinden,
wenn er der einen oder anderen unter den ihm geläufigen mitteleuropäischen Formengesellschaften

der Bronze- und Eisenzeit eine Sprachgemeinschaft zuordnen kann. Wenn Euler (S. 49 u. ö.) beispielsweise
die Aunjetitzer Kultur als Hintergrund, ja als Entstehungsgrund jener protogermanischen
Sprachgesellschaft betrachtet und deren zeitliche und geographische Lagerung in ihrer Frühzeit durch
die Kongruenz mit jener älterbronzezeitlichen Fazies zumindest angedeutet sieht, so mag auch dem
Archäologen bewusst werden, dass nicht nur Bestattungssitten und Sachformen, sondern auch
sprachliche Gemeinsamkeiten Ausdruck menschlicher Gesellungsformen sind.
Das Stammbaummodell S. 221 veranschaulicht die Zusammenhänge in übersichtlicher Weise:
Aus dem (West-)Indogermanischen gehen ab dem frühen 2. Jahrtausend v. Chr. das Baltische, Italische,
Keltische und eben auch das Protogermanische hervor. Aus letzterem entsteht in der zweiten
Hälfte des 1. Jahrtausend v. Chr. durch die Erste Lautverschiebung und weitere damit einhergehende
Veränderungen das „Späturgermanische“ als jüngere germanisch Gemeinsprache.
War diese jüngste Ausprägung der gemeingermanischen Sprache Gegenstand der Monographie
von 2009, so widmet sich das zweite hier anzuzeigende Buch von 2013 einem abermals um zwei
Entwicklungsstufen jüngeren Sprachzustand. Aus dem sog. Späturgermanisch entwickelten sich in
der nachchristlichen Ära zwei Sprachkomplexe: Das „NW-Germanische“ im Westen und „ostgermanische
Dialekte“ im Osten. Während aus letzteren alsbald, im 4. / 5. Jahrhundert n. Chr., die gotische
Sprache (neben anderen) hervorging, teilte sich zur gleichen Zeit das Nordwestgermanische in
die urnordische Sprache einerseits und eine westgermanische Sprache andererseits auf. Dieses Westgermanische
nun ist der Gegenstand der Monographie von 2013. Diese ist analog zu der Arbeit von
2009 aufgebaut, und auch an ihr hat Konrad Badenheuer mitgewirkt: Wie aus dem Vorwort des
Verfassers (S. 11) ersichtlich wird, hat er nicht nur ein Teilkapitel, sondern auch die Zusammenfassung
geschrieben.

Die Quellenlage ist für das um die Wende von Altertum zum Mittelalter gesprochene Westgermanisch
nur geringfügig besser als für die älteren Sprachzustände: Außer etlichen historisch überlieferten
Eigennamen kann nur eine Handvoll Runeninschriften angeführt werden – eine Quellengattung,
die freilich für das faziell gleichzeitige Urnordisch wesentlich umfangreicher belegt ist. Runeninschriften,
naturgemäß auf archäologischen Objekten – das ist hier aufmerksam zu registrieren: Einen
sprachgeschichtlich bedeutsamen Befund bietet die Inschrift auf dem erst kürzlich entdeckten Beinkamm
von Erfurt-Frienstedt – so der korrekte Name des Fundortes (S. 16 mit Detail-Abb., das ganze
Stück abgebildet auf der Rückseite des Einbandes). Die Inschrift besagt, worum es sich handelt:
kaba für kamba meint nichts anderes als „Kamm“. Sprachgeschichtlich bedeutsam ist dabei der Wegfall
des auslautenden Zischlautes (Sibilant), der im Späturgermanischen gewiss noch vorhanden war
(*kambaz). Die gleiche und gleichermaßen westgermanische Eigenart bezeugende Endungsform
weist etwa bei den merowingerzeitlichen Runendenkmälern von Freilaubersheim, Neudingen und
Pforzen das dort jedes Mal verwendete Wort runa auf (S. 28 f.). Der Neufund von Frienstedt wurde
inzwischen ausführlich behandelt durch CH. G. SCHMIDT/ R. NEDOMA / K. DÜWEL (Ein Kamm mit
Runeninschrift aus Frienstedt [Stadt Erfurt]. Arch. Korr.bl. 43, 2013, 257–276). Demnach ist der
Kamm nach Form und Fundzusammenhang bereits in die Jüngere Kaiserzeit zu datieren, näherhin
ins 3. Jahrhundert n. Chr., und gehört „womöglich sogar in einen frühen Abschnitt des 3. Jahrhunderts“
(ebd. 262). „Damit liegt hier … der älteste sichere Nachweis der westgermanischen Sprache
vor“ (ebd. 275).

So wertvoll die wenigen Runendenkmäler gerade durch die ihnen innewohnenden Datierungsmöglichkeiten
sind, der durch sie überlieferte Sprachbestand reicht natürlich bei weitem nicht aus,
das historische Westgermanisch in seiner Gesamtheit wenigstens skizzenhaft zu umschreiben. Hier
setzt Euler das schon bei der Rekonstruktion des Protogermanischen erprobte Verfahren ein, aus
Gemeinsamkeiten der Sprachkomplexe der nächsten Generation, hilfsweise auch der beiden nächsten
Generationen, auf die Merkmale der Ausgangssprache zurückzuschließen: Althochdeutsch bzw. hy-

pothetisches Voralthochdeutsch, Altsächsisch, Friesisch und vor allem Angelsächsisch / Altenglisch.
Das macht nun den Hauptteil des Buches aus: Die gelehrte Rekonstruktion von Wortbildung,
Grammatik und Syntax, in begrenztem Umfang auch des Wortschatzes dieses in direkter Form so
außerordentlich dürftig belegten Sprachzustandes des Westgermanischen. Für den Geschichtsforscher
der archäologischen wie historischen Observanz mag es durchaus reizvoll sein, eine Vorstellung davon
zu gewinnen, wie sich die Trägerinnen jener Bügelfibeln untereinander unterhalten haben oder
in welchem Idiom der Frankenkönig Chlodwig seinen hoffnungsvollen Söhnen die Prinzipien seiner
Machtausübung vermittelt hat. Einen sinnfälligen Ausdruck dieser Sprachwelt vermitteln auch in
diesem Buch die im 6. und letzten Teil aufgeführten Textproben. Dabei wird die Eigenart des Westgermanischen
nicht zuletzt durch die Gegenüberstellung mit anderen gleichzeitigen, aber auch mit
älteren oder jüngeren Idiomen verdeutlicht. Zu der authentisch urnordischen Runeninschrift auf
dem goldenen Horn von Gallehus ek HlewagastiR holtijaR horna tawido wird die westgermanische
Fassung angeboten: ik χlewagastî χolti χornâ dedâ und dazu auch die westgotische, wie sie Wulfila
hätte bringen können: ik hliwagasts hulteis haúrn tawida. Ferner findet sich das aus dem Band von
2009 bereits bekannte Vaterunser hier wieder, nun zusammen mit anderen christlichen Texten wie
dem Weihnachtsevangelium und einem Taufgelöbnis, und auch die dem Leser nun schon seit dem
Protogermanischen geläufigen Sprichwörter und Redensarten finden hier eine Fortsetzung – gerade
sie sind wegen ihrer sprachlichen Prägnanz ein ungemein reizvoller Lesestoff.
Wer immer in der Rekonstruktion einer längst vergangenen Wirklichkeit eine der vornehmsten
Forschungsaufgaben sieht, sei er nun Archäologe, Historiker oder Philologe, findet in der Lektüre
der beiden hier angezeigten, unter Mitwirkung von Konrad Badenheuer entstandenen Bücher von
Wolfram Euler eine höchst anregende und gewinnbringende Lektüre.

Hermann Ament
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E-Mail: ament@uni-mainz.de