Das Westgermanische

Rezension in der Preußischen Allgemeinen Zeitung, 22.2.2014

Vorläufer der deutschen und englischen Sprache

Englisch war in der Luftwaffe für den Rezensenten die zweite Arbeitssprache. Die Ver-wandtschaft zum Deutschen ist wegen unzähliger ähnlicher Worte offensichtlich. Da England erst im 5. Jahrhundert durch die Einwanderung der Angeln und Sachsen aus dem heutigen Nord-deutschland seine germanische Prägung erhielt, wollte der Rezensent schon lange mehr über die gemeinsamen Ursprünge der beiden Sprachen wissen. In den Lexika erfuhr er darüber nur, dass Deutsch, Englisch, Holländisch und die skandinavischen Sprachen auf das „Urgermanische“ zu-rückgehen. Nun zeigt der Linguist Wolfram Euler, dass mehr darüber zu sagen ist.

Sein neues Buch „Das Westgermanische“ überrascht mit vielen neuen Erkenntnissen über die frühe Geschichte der deutschen und englischen Sprache. Beispielsweise war das Urgermanische, das etwa um 100 vor Christus und auch noch während der großen römisch-germanischen Konf-likte um die Zeitenwende gesprochen wurde, keineswegs der letzte gemeinsame Vorläufer von Deutsch und Englisch. Schon ab ungefähr dem 1. Jahrhundert vor Christus gingen die ostgerma-nischen Sprachen, von denen man nur das Gotische genauer kennt, eigene Wege. Ungefähr 300 bis 400 Jahre später begann die Abtrennung des Urnordischen von den übrigen (west-)germanischen Dialekten. Deren Aufgliederung in Einzelsprachen begann offenbar erst weitere 300 Jahre später, also etwa im 6. Jahrhundert nach Christus.

Der Leser ist durchaus überrascht, dass die westgermanische Sprache der Völkerwanderungszeit nicht längst intensiv erforscht worden war. Eulers langes Literaturverzeichnis belegt, dass es zu dieser Frage bisher nur Einzelaufsätze gab, aber noch keine Gesamtdarstellung. Diese hat der Münchner Wissenschaftler nun geschrieben und dabei viele Fragen gleichzeitig beantwortet. So gab es nicht nur westgermanische Dialekte, sondern man kann insbesondere für das 5. Jahrhun-dert, die Zeit der germanischen Landnahme in England, eine einheitliche „westgermanische Sprache“ beschreiben, die dann der direkte Vorläufer von Altenglisch, Altsächsisch und Althoch-deutsch wäre.

Zu den Glanzlichtern des Buches gehört vor allem das Kapitel über die Veränderung des (west)germanischen Wortschatzes. An der Bedeutungsveränderung von einzelnen Worten lassen sich religiöse Vorstellungen festmachen, beispielsweise an der Entwicklung von indogermanisch *perkwus „Eiche“. Das Wort und seine Ableitungen nahmen in den germanischen Sprachen die Bedeutungen „Leben“ (im Altnordischen), aber auch „Geist, Seele, Person“ (Altsächsisch) und sogar „Welt“ (Gotisch) an. Ein weiteres Glanzlicht sind die Textproben in rekonstruiertem West-germanisch (einige Redensarten, das Vaterunser, die Weihnachtsgeschichte und das Hildebrand-slied) und Eulers Entdeckung, dass die lateinischen Autoren der Völkerwanderungszeit mit dem Wort „germani“ so gut wie nie Goten und Skandinavier bezeichnet haben, sondern nur die Ge-rmanen in Mittel- und Westeuropa, also eben die Westgermanen.

Im Englischen heißt die Zeit zwischen Antike und Mittelalter „Dark Age“, also dunkles Zeitalter. Das geringe Wissen über diese Epoche hat zuletzt durch Fortschritte in Archäologie und Human-genetik deutlich zugenommen. Den Engländern wird zunehmend (wieder) bewusst, wie eng sie mit den Deutschen verwandt sind, was dort seit ein paar Jahren munter diskutiert wird. Auch zu dieser Debatte leistet das neue Buch einen bemerkenswerten Beitrag.

Manfred Backerra