Das Westgermanische

Germanische Sprachgeschichte wird lebendig

Zusammen mit dem Buch von Wolfgang Euler über das Protogermanische vermittelt dieser Re-konstruktionsansatz der vom Autor postulierten westgermanischen Sprache ein Gefühl dafür, wie sich aus dem Indogermanischen Schritt für Schritt die verschiedenen europäischen Sprachgrup-pen, die germanische Sprachgruppe sowie zu guter Letzt die germanischen Einzelsprachen ent-wickelt haben. Hier kann man z. B. die kontinuierliche Auseinanderentwicklung der englischen und der deutschen Sprache nachvollziehen. Auch wenn das Englische nachträglich stark von ro-manischen Elementen beeinflusst wurde, so handelt es sich doch im Kern um eine germanische Sprache. Dabei ist erstaunlich, wie nah das ca. 1200 Jahren zurückliegende Althochdeutsche so-wie das ungefähr ebenso alte Altenglische den jeweiligen aktuellen Sprachen sind. Es erscheint durchaus plausibel, dass sich die beiden Sprachen seit 400 n. Chr. bis ca. 800 n. Chr. aufgrund der geografischen Trennung aus einer gemeinsamen westgermanischen Wurzel entwickelt haben.

Interessant sind auch die geschichtlichen Ausführungen zu Beginn des Buches. Hier wird er-kennbar, auf welcher historischen Basis sich das Altsächsische (Basis des heutigen Plattdeut-schen), das Althochdeutsche sowie dessen noch heute existierenden vielfältigen Dialekte und das Altenglische aus der gemeinsamen westgermanischen Sprache entwickelt haben. Nach geneti-schen Untersuchungen sind die heutigen Engländer nicht nur Nachfahren von Sachsen und An-geln, sondern auch von Friesen, Holländern, Belgiern und Skandinaviern, entstammen also einem wahren Völkergemisch, was die historisch gesehen relativ schnelle Abspaltungen des Altengli-schen vom Altsächsischen erklären mag.

Die ausführliche Beschreibung der erhaltenen Sprachdenkmäler wie Runeninschriften auf Stei-nen, die gotische Wulfilabibel und andere heidnische sowie christliche Texte aus England, Deutschland und Skandinavien gewähren einen Einblick in die Werkstatt des Sprachwissen-schaftlers und lassen den Leser an dessen Gedankengängen und Schlüssen teilhaben.

Das Buch leistet auch nicht wenige Beiträge zu der Frage des speziell germanischen Wortschatz-anteils, der - oft genug nur scheinbar - ohne außergermanische bzw. ohne indogermanische Ent-sprechung vorliegt. Wer wäre z. B. von sich aus auf die Idee gekommen, dass das englische Wort „barley“ (Gerste) mit dem lateinischen „farina“ (Mehl) eine gemeinsame Wurzel hat und dass auch die deutschen Worte für „Bier" und „brauen“ dieser Wurzel entstammen. Die deutsche Gerste gehört dagegen mit dem lateinischen Wort „hordeum" (ebenfalls Gerste) zusammen. Auch dass das lateinische Wort „tenebras“ und das russische „temnota“ (beide bedeuten „Dunkelheit“) zum deutschen Wort Dämmerung" gehören, ist überraschend und auf den ersten Blick nicht un-bedingt erkennbar. Allerdings verbleiben auch rein germanische Lexeme ohne indogermanische Entsprechung wie z.B. das seit Jahrtausenden gehaltene Haustier „Schaf“, das - erstaunlicherwei-se erst im Mittelhochdeutschen - das althochdeutsche „ou“, das mit lateinisch „ovis“ zusammen-hängt und dem indogermanischen Wortschatz entstammt, ersetzt hat.

Das Buch ist eine reich gefüllte Schatztruhe aus Erkenntnissen zur Etymologie von Worten aus den heute aktuell gesprochenen germanischen Sprachen sowie zur Gesamtschau der grammati-schen Entwicklung der germanischen sowie anderer indogermanischer Sprachen, wie Latein, Altgriechisch, Kirchenslawisch, Litauisch und Altindisch, die immer wieder zu Vergleichszwe-cken beispielhaft herangezogen werden. Im interessierten Leser löst diese geballte Informations-fülle ein Aha-Erlebnis nach dem Anderen aus.

Allerdings wird es eben diesem interessierten aber sprachwissenschaftlich nicht vorgebildeten Leser nicht immer ganz leicht gemacht, tiefer in die geschilderten Zusammenhänge einzudringen. So wäre eine lateinische Umschrift altgriechischer Worte nützlich (altkirchenslawische und altin-dische Worte werden ja auch in lateinischer Umschrift und nicht in Originalschrift zitiert). Hilf-reich wäre auch eine kurze Erläuterung sprachwissenschaftlicher Fachbegriffe im Anhang. Bei der sehr schönen Zusammenstellung von alten Texten in verschiedenen Sprachstufen am Ende des Buches fehlt leider in manchen Fällen die neuhochdeutsche Übersetzung, was ein Verständnis diese Sprachdenkmäler stark erschwert, denn wer kann schon spontan althochdeutsch oder gotisch verstehen?

Dennoch ist es ein Buch, das auch jedem sprachwissenschaftlich interessierten Laien empfohlen werden kann, wenn dieser sich die Zeit nimmt, konzentriert zu lesen unbekannte Begriffe ab und zu im Internet nachzuschauen.

Dr. Steffen Stölzer, 6.11.2013